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Ausbildung. Die ersten Berufsjahre. Teil1.

Lehrer auf dem Land

Nach dem Abschluss der pädagogischen Ausbildung (PH Wettingen) verdingte ich mich als Lehrer in einer Landschule im aargauischen Freiamt (in Merenschwand – die heutige Bundesrätin, Doris Leuthard, besuchte zu meiner Zeit dort die Unterstufe). Ich führte eine dreiklassige Oberstufe. Dabei genoss ich fast totale pädagogische Freiheit, da die SchülerInnen der Oberschule zu den verlorenen Schafen zählten, was bedeutete, dass niemand Ansprüche an sie stellte. "Schlagen Sie ihn, wenn er nicht recht tut," war einer der wenigen Wünsche von Eltern. Ich schickte die Kinder wiederholt raus aus dem Schulzimmer; zB ins Dorf, für Untersuchungen, Umfragen oder Hilfsaktionen. So kamen sie ins Gespräch, schufen sich allmählich einen guten Ruf, lernten selbständig zu arbeiten und vor allem: eigene Ambitionen zu entwickeln. Wir gingen häufig in die Natur, betätigten uns dabei sportlich und lernten Pflanzen und noch andere Tiere, denn Kühe, Hunde und Katzen näher kennen und achten. In Dialogrunden mit klaren Regeln sassen die Schüler dann mitten im Wald zusammen und tauschten sich und ihre Entdeckungen aus. Die Kinder entwickelten sich prächtig und leisteten Erstaunliches. Praktisch alle brachten es schliesslich zu einer ordentlichen Lehre.

Zweispurig

Eines Tages erschienen Delegierte eines von drei parallelen Projekten für eine «Freie Volksschule im Kanton Zürich» (FVZ) zum Schulbesuch (Affoltern a.A., Oberglatt und Stadt Zürich). Bald darauf erschienen nacheinander die Delegierten der beiden andern Projekte. Schliesslich wollten mich alle drei als Schulleiter engagieren. Ich war nicht nur erfreut, sondern auch erstaunt. Stufte ich mich als Lehrer doch bloss als mittelmässig ein. Obwohl ich mich an meiner Dorfschule wohl fühlte, konnte ich dieser Herausforderung nicht wiederstehen. War doch A.S. Neills «Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung» eines der zwei für mich wegweisenden Bücher der späten Jugendzeit gewesen (das andere war Arno Placks «Die Gesellschaft und das Böse»). Das Engagement bedeutete nichts weniger als die Erfüllung eines grossen Traums.
Vorerst stieg ich bei allen drei Projekten ein, leistete Vorarbeit und beriet die Initianten bezüglich des Konzepts, der Einrichtung und des Unterrichtsmaterials und verhandelte mit der Erziehungsdirektion des Kantons Zürich. Schliesslich kam die Zeit der Entscheidung. Ich beschloss, mich ganz dem Projekt in Zürich zu widmen. Es war das grösste und anspruchvollste. Wir suchten ein geeignetes Objekt aus (in der Trichtenhausener Mühle), schön gelegen zwischen Zürichberg und Forch. Es sollten 70 Kinder aufgenommen werden, vom Kindergarten bis zur Oberstufe. Es war meine Aufgabe, die Lehrmittel für die Schulstufen zu bestimmen. Dabei lernte ich nebenbei faszinierende Leute kennen, die neuartige Lehrmittel entwickelt hatten. Ich erstellte das Schulkonzept, den Unterrichtsplan, suchte und wählte Lehrkräfte aus und half bei der Einrichtung der Schulräumlichkeiten. Ich stand stets in intensivem Kontakt mit den Initianten der Schule, was mein Leben zusätzlich enorm bereicherte. Sie stammten vornehmlich aus dem inneren Kreis der Kultur- und Kunstszene. – Das alles geschah übrigens parallel zur Vollstelle an der Staatsschule in Merenschwand, wo ich weiterhin engagiert arbeitete und wo ich weiterhin wohnte. Nach getaner Arbeit in Zürich fuhr ich jeweils wieder zurück in meine Wohnung; manchmal, nachdem ich in Zürich noch ein Konzert besucht hatte. Mehr als einmal schlief ich auf der Fahrt kurz ein und touchierte den Randstein.
Schliesslich kam der Tag der Kündigung. Es wurde zu einem schwierigen Gang. Obwohl mittlerweile bekannt war, dass ich ein Linker war – ich war in Baden und Aarau in der Bewegung mit den magischen drei Buchstaben RML (Trotzkisten) aktiv –, war ich geachtet. Der (CVP-)Schulpräsident konnte die Tränen nicht zurückhalten, als ich ihm meinen nahenden Abgang eröffnete; so weinten wir dann beide.

Lehrer in der Stadt

In der FVZ, der «Trichti», wie wir sie liebevoll nannten, feierten wir bald darauf Eröffnung. Und damit kam ich erst richtig in die Verantwortung. Wir begannen mit einer Projektwoche, unter intensiver Beteiligung der Eltern. Es war ein regelrechtes Schulfest; wohl mein schönste Schulerlebnis überhaupt. Ich war im Element und schwebte auf Wolken. Alles war gut vorbereitet und klappte wunderbar. Es entstand in diesen Tagen eine grosse Familie. Unsere Vision war wahr geworden. – Doch leider sollte das nicht so bleiben. Mit dem Schulalltag kehrten auch die unterschiedlichen Ansprüche der Eltern ein. Wir hatten zwei grundlegend verschieden motivierte Elterngruppen. Da waren die aufgeschlossenen Eltern, von der nichtautoritären Bewegung geprägt, zumeist bekannte Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Kultur. Und da waren die Eltern mit Kindern, die in der Staatsschule in Schwierigkeiten geraten waren und nun aus Hilfsbereitschaft (und wohl auch aus Geldgründen) aufgenommen wurden. Sie waren zwar auch mit genügend Mitteln ausgestattet, hatten jedoch keinerlei pädagogische Ambitionen. Leider hatte ich auf die Auswahl der Kinder kaum Einfluss; hier ging es auch um Geld. Doch die Mischung sollte sich als fatal erweisen. Die Konflikte waren vorprogrammiert.

Burnout

Bald entstand ein Hin und Her. Die wöchentlichen Elternversammlungen gerieten mehr und mehr zu zersetzenden Streitgesprächen. Als Hauptverantwortlicher war es meine Aufgabe zu (er-)klären, unser Konzept zu verteidigen und gleichzeitig zu schlichten. Hinzu kam, dass auch die Lehrkräfte sich zunehmend mehr durch Heterogenität, denn durch Geschlossenheit auszeichneten. Sie nahmen zunehmend Partei für die eine oder die andere Seite. – Die Sache eskalierte schliesslich. Nicht nur der Schulbetrieb war blockiert, sondern auch ich persönlich. Ich wurde von der Vielfalt der Ansprüche und von der Wucht der Auseinandersetzung schlicht überrannt. So riet ich schliesslich, den de fakto Zustand auch organisatorisch zu vollziehen und die Schule zu teilen, was dann auch geschah. Ich selber zog mich zurück. – In der Rückschau ist klar: Ich hatte bereits mit 22 Jahren ein klassisches Burnout! Erstaunlich daran ist eigentlich bloss, wie lange das gedauert hat, bis ich am Ende war. Mein Pensum, das ich mir seit einem Jahr zugemutet hatte, war mehr als bescheuert …

Psychologie

Nach einem 3-monatigen Timeout, während dessen ich mit meiner Freundin (heute Frau) – die mir in der Zeit des Aufbruchs, ebenso wie in der Krise stets beigestanden war (sie steckte selber in der Lehrerinnenausbildung) – sowie mit weiteren Freunden auf einer holländischen Peniche durch die französischen Kanäle und auch mal im Sturm übers Meer fuhr, begann ich, gleichsam zur persönlichen Weiterbildung, am psychologischen Institut der Universität Zürich zu studieren. Eine neue Welt tat sich auf. Doch der Stoff, der damals dort geboten wurde, erwies sich bald einmal als wenig inspirierend. Er kollidierte krass mit meinem sonst so aufregenden Leben. So verbrachte ich viel Zeit mit Selbststudium vor den Hörsälen, während meine KommilitonInnen in den Vorlesungen sassen. In der Pause trafen wir uns dann jeweils, tauschten aus und hatten es gut. – Ich harrte jedoch  aus. Währenddessen hatte ich meine eigene Therapie begonnen, was für mich als typischen Leader und souveränen Wortführer zuerst einmal hiess, mein Haupt zu neigen. Doch sollte sich das lohnen, lernte ich doch eine noch weit aufregendere Welt kennen, eine Welt, die mich für lange Zeit in Beschlag nahm und erfüllte. Es dauerte entsprechend nicht lange, bis ich wusste: Das wird mein nächster Beruf – nein: Das ist meine Berufung!
Nach den ersten Erfahrungen in Gesprächstherapie hatte ich bald Hunger auf mehr: auf mehr Intensität, auf mehr Wucht, auf mehr Wirkung. Ich wechselte in die Primärtherapie zu Hansueli Wintsch in Zürich. Und bald begann zusätzlich eine Odyssee, auf der ich manch aussergewöhnliche Menschen kennenlernen sollte, Menschen, die mich tief inspirierten. Und ermutigten. Diese Welt war emotional, lebendig; sie steckte voller Unwägbarkeiten, forderte mich heraus. Und ich konnte dort meine Fähigkeiten kompromisslos entfalten. Schliesslich, im fortgeschrittenen Stadium des Studiums an der Uni, kam die Einladung des Institute of Biodynamic Psychology in London zur Therapeutenausbildung (in Deutschland und England). Ich zögerte keinen Moment. Gleichzeitig weitete ich meinen Radius aus. ich wollte die Koryphäen der humanistischen Psychotherapie besuchen. Die Reise führte mich in weitere Länder, schliesslich nach Amerika. Ich wollte alle und alles kennen lernen, was zu jener Zeit von Bedeutung war, die Spitzen der Szene und die Avantgarde am Puls der Entwicklung. Das Studium geriet in den Hintergrund. Eine Weile versuchte ich noch, das Ganze unter einen Hut zu bringen. Doch die Erinnerung an mein Burnout war noch wach. Schliesslich verliess ich die Uni ganz. Ich hatte bereits einen Berufsabschluss. Ich konnte mich also ganz auf das konzentrieren, was mich tatsächlich nährte. Und das tat ich schliesslich, wie üblich kompromisslos.

Heute, im Rückblick, betrachte ich mit Genugtuung die Selbstverständlichkeit, mit der ich als junger Mann die Regeln des Üblichen ausschlug und auf das einzige vetraute, auf das man im Beruf setzen sollte: auf das Können. Sich bilden ist das eine – dafür habe ich reichlich gesorgt. Statt zusätzlich leeren Aufwand zu betreiben, um einen nichtssagenden Titel zu erwerben, den ich an die Tür meiner Praxis hängen konnte, blieb mir in der Folge bloss das andere: mit Taten zu überzeugen.

Praxis

Die Therapeuten und Lehrer, die damals die humanistische Szene in der Schweiz (Dr. H. U. Wintsch) und Deutschland (Dr. med. Wolf Büntig (ZIST), A.S. Hellinger) massgeblich prägten und unterdessen zu Freunden geworden waren, rieten mir schliesslich, als Therapeut loszulegen. Ebenso Gerda Boyesen, die Leiterin des erwähnten Instituts in Lndon. Ein Studienpraktikum in der Psychosomatischen Klinik Bad Herrenalb, wo ich, was weder vorgesehen, noch üblich war, bereits nach zwei Tagen als verantwortlicher Therapeut eingesetzt wurde, hatte mich zusätzlich bestärkt. – Nachdem ich ab dem Spätsommer 1976 in unserer Wohnung bereits erste KlientInnen empfangen hatte, war ich bereit für den Sprung ins kalte Wasser. Ich mietete ab Januar 1977 meine ersten Praxisräumlichkeiten am Stadtrand von Zürich und war bereit, fortan 1200 Franken pro Monat für leere Räume zu bezahlen. Doch, die Dinge entwickelten sich überraschend gut. Sehr gut sogar. Nach knapp drei Monaten war die Praxis voll. Meine Mentoren hatten meinen Start aktiv unterstützt. Ich war dankbar und wieder einmal im Element. Nur diesmal bestimmte allein ich die Spielregeln. Keine aufbegehrenden Eltern. Und die Kinder waren eh nie ein Problem gewesen; ebenso wenig waren es nun die Klienten und Klientinnen. Sie schätzten, was ich tat. Und mit ihnen konnte ich bei Bedarf fair verhandeln.

Ein paar Dinge hatte ich aus meinen Erfahrungen gelernt. Unter anderem sollte sich meine totale Krise – das Burnout würden wir heute sagen – nicht wiederholen. Doch, im Nachhinein betrachtet muss ich gestehen, geriet ich noch einige Male in die Nähe des Ausbrennens. Die kritische Selbstsicht und der permanente Ansporn, mich selber sowie meine Arbeit zu verbessern, trieben mich, entgegen meiner gewachsenen Vernunft, weiter an. Diese Herausforderung endgültig zu meistern sollte noch geraume Zeit dauern. Und mir andererseits die wichtigste Entdeckung meines Lebens bescheren.